Der Supermarkt ist ein Wahllokal

17. April 2012 in Ernährung, Gesundheit (Textbeiträge), Landwirtschaft (Textbeiträge), Tierschutz, Umwelt, Wirtschaft – Textbeiträge by Peter Horn

Sowohl beim Discounter als auch in jedem Supermarkt gibt es gute Erzeugnisse, mit denen jeder sich vernünftig und ausgewogen ernähren kann. Im Gegensatz zum Bioladen oder Reformhaus besteht der überwiegende Teil des Angebots beim Discounter wie auch im „normalen“ Supermarkt aus Industrieerzeugnissen, die überflüssig sind und schädlich dazu, wenn sie im Übermass gegessen werden.

Appetit mit Nebenwirkungen

Dass von solchen Produkten zuviel konsumiert wird, dafür sorgen die Zusatzstoffe, mit denen sie aufgepeppt wurden. Einmal probiert und schon ist die Chipstüte leer, wie unter einem geheimnisvollen Zwang. Solche Snacks geben uns einen kurzfristigen Kick, auf den unweigerlich ein Hungergefühl folgt.

Wer sich beim Einkauf sorgfältig umschaut, was übergewichtige Menschen, die nicht sehr fit aussehen, vor allem in ihren Einkaufswagen haben: Zuckerhaltige Softdrinks, Snacks und Süßigkeiten, Fertiggerichte und Tiefkühlkost. Der Zusammenhang dürfte nicht ganz zufällig sein.

Fast alle Fertiggerichte und Snacks enthalten haufenweise Zucker und Fett, dazu jede Menge Hilfs-, Farb-, Aroma- und Konservierungsstoffe. Die werden benötigt, um die Verluste an Geschmack und Aussehen durch die Verarbeitung vom frischen zum lagerfähigen Produkt auszugleichen. Werden Zucker durch Süßstoffe ersetzt. spart man erst Kalorien, bekommt aber bald wieder Hunger. Was am Ende fehlt, sind nie Kalorien, aber immer die Vitamine, Spurenelemente, Mikronährstoffe und Antioxidantien, die unser Körper braucht, um gesund zu bleiben.

Vitalstoffe kann man dem Essen nicht einfach zusetzen; synthetische Vitamine sind kein Ersatz für sekundäre Pflanzenstoffe. Deren Wirkung entfaltet sich nur im Zusammenspiel eines schonend aus frischen Zutaten bereiteten Essens. Das schmeckt jedem besser, der nicht zu sehr an die fatalen Kombinationen von Fett und Zucker oder Fett und Salz im Übermaß zusammen mit künstlichen Aromen gewöhnt ist, die jede differenzierte Wahrnehmung kaputtmachen.

Essen soll bezahlbar sein

Essen soll schmecken, nicht schädlich, aber auch bezahlbar sein.
Wer kann sich das schon leisten, besser zu essen, wird oft gefragt. Stimmt das? – In kaum einem Land der Welt ist der Anteil für Essen an den Ausgaben der Privathaushalte so gering wie in Deutschland. Im Jahr 2010 waren das gerade mal 11 Prozent, einschließlich Genussmitteln (Tabak, Alkohol) 14,2 Prozent.

Das ist allerdings nur der statistische Mittelwert. Bei Geringverdienern dürfte der Anteil höher liegen. Beim Discounter kaufen alle Bevölkerungsschichten.

Wenn für uns höhere Preise ein Ärgernis sind, bedrohen sie anderswo Existenzen. Durch den weltweit steigenden Konsum tierischer Produkte werden immer mehr Futtermittel benötigt. Grundnahrungsmittel für Menschen oder Futter für Nutztiere, was ist wichtiger?

Nahrungsmittel vom Discounter kosten nur noch in Ausnahmefällen weniger als im Supermarkt. Bei Basisprodukten ist der Preiswettbewerb scharf. Zugleich sind nicht automatisch oder generell schlechter als die, die in anderen Handelsformen angeboten werden. Oft handelt es sich um die gleichen Produkte, die „bessere“ Läden wie Edeka, REWE und kleine Geschäfte als Eigenmarke zum gleichen Preis, aber zusätzlich in ähnlicher Qualität unter bekannten Markennamen teurer anbieten. Und dass teurer nicht immer besser ist, sollte auch klar sein.

Bio kostet mehr, ist aber nicht in jedem Fall besser, denn man darf nicht vergessen, dass Umweltfaktoren auch in den Biolandbau hinein wirken. Inzwischen bieten auch Discounter Nahrungsmittel mit Biolabel an, oft nicht mal teurer. Hier werden zumindest Minimalanforderungen erfüllt.

Gewiss macht es einen großen Unterschied, wo man einkauft. Die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen die Lebensmittel produzieren und verkaufen, das ist ein eigenes Thema.

Weniger ist mehr

Gutes Essen muss nicht immer teurer sein als schlechtes. Weniger, aber richtig einkaufen kostet nicht mehr als als viel, schlecht und billig. Der synthetische Aufwärmfraß mit Geschmacksverstärkern ist schon mal teurer als richtiges Essen, mit oder ohne Bio. Wenn wir dann noch alles Überflüssige und Schädliche aus unser Ernährung verbannen, bleibt Geld übrig, um bessere Qualität zu kaufen. Nur ein Beispiel: Limonade mit haufenweise Zucker und Säure taugt nicht zum Durstlöschen, macht die Zähne kaputt – und kostet ordentlich Geld. Das wichtigste Nahrungs- und Lebensmittel ist und bleibt Wasser.

Ob ein paar aufgeklärte Besserwisser und -esser, die sich das leisten können, ihre Bresse-Hühnchen und Bio-Avocados im KaDeWe besorgen, spielt keine Rolle in der Gesamtbilanz. Wenn aber die Mehrheit der Menschen sich von den gefälschten Pseudo„lebens“mitteln abwendet und sich genau anschaut, was auf ihre Teller kommt, wird sich etwas bewegen.

Wir haben die Wahl

Beim Einkaufswagen-Slalom durch die bunte Warenwelt stehen Versuchungen in Form von Kleine-Hunger-Kobolden und Überraschungs-Kalorienbomben aller Art Spalier, die unseren inneren Schweinehund anbaggern. Das ist nicht nur für Kinder ein Härtetest. Aber wenn man die Alternativen zur Pseudonahrung in sein Leben gelassen hat, fällt es leicht, zu sagen: das muss nicht sein, ich lass’ es liegen.

Der Supermarkt ist ein Wahllokal, der Einkaufswagen eine Wahlurne. Mit jedem Artikel, den wir kaufen, geben wir eine Stimme ab: für das Produkt, für den Produzenten und für die Produktionsweise. Da wir essen müssen, müssen wir wählen – Stimmenthaltung ist nicht möglich. Das Ergebnis unserer Wahl bestimmt darüber, was in Zukunft zur Wahl stehen wird. Ohne uns Verbraucher ist die scheinbar so mächtige Nahrungsmittelindustrie machtlos. Was wir Verbraucher konsequent im Regal liegen lassen, verschwindet aus dem Angebot.

Wir haben es in der Hand, jeden Tag eine bessere Wahl zu treffen.