Georg Schramm und die produktive Kraft des Zorns

22. April 2012 in Blog, Kultur – Textbeiträge by Peter Horn

Gestern im ausverkauften Polittbüro in Hamburg den letzten Last-Minute-Platz ergattert und das Programm von Georg Schramm gesehen. Es war beeindruckend.

Georg Schramm ist ein Ausnahmetalent. Zweieinhalb Stunden (mit Pause) ein Soloprogramm abzuliefern, bei dem jeder Satz, jede Geste sitzt, das macht ihm kaum einer nach. Das Programm läuft jetzt seit Mitte 2010 und ist komplett ausformuliert, aber das spürt man nicht.

Ein bösartiger Mensch ist er nicht. Bemerkenswert seine Fähigkeit zur Selbstironie, in die er seine Koketterie und kindliche Freude, die er empfindet, wenn er einen guten Satz gefunden hat, bewusst einbezieht. Er hält sich an den Spruch, den er von einem Papst aus dem frühen Mittelalter geborgt hat:

»Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht«.

Böse Worte über böse Zustände

Kein noch so böser Kabarettist könnte je mit Worten so viel Schaden anrichten wie die Politiker, Manager, vor allem aber die Medienkasper, die er gezielt verunglimpft, stellvertretend für das System, von dem sie profitieren. Weil sie es verdient haben – die einen, weil sie die Sprache zur Vernebelung missbrauchen, die anderen, weil sie es ihnen durchgehen lassen und ihnen noch die Plattform liefern.

»Das Wort ist am Ende, aber es ist kein heldenhaftes Ende. Das Wort ist tot, aber kläglich tot. Nicht vom Tyrannen erschlagen, nicht vom Zensor erwürgt. Als leere Worthülse im Brackwasser der Beliebigkeit untergegangen. Die Polemik ist tot, es lebe die Unterhaltung.«

Solange öffentlich propagierte und gelebte Moral auseinanderklaffen, werden eloquente Moralisten gebraucht. Gewiss ist Georg Schramm ein Moralist, aber kein sauertöpfischer. Ob er in Gestalt seiner Figur Dombrowski grob zulangt, wenn er als Oberst Sanftleben die zentrale Lüge des deutschen Militärengagements oder als Kleingärtner August das Dilemma der Sozialdemokratie offenlegt, er landet harte Treffer. Es gibt Momente, da ist er absolut nicht witzig, aber der Humor, das beste Überlebensrezept gegen Verzweiflung, bleibt seine verlässliche Basis.

Dem größten Berufsrisiko des politischen Kabarettisten, zum Hofnarren zu werden, ist Georg Schramm ohnehin jederzeit souverän gewachsen. Einen schenkelklopfenden Gerd Schröder in der ersten Reihe bei Georg Schramm kann man sich nur schwer vorstellen. Das ist eines der größten Komplimente, das man ihm machen kann.

Hörenswert ist das hr2-Interview.